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Westfalenbrauen

westfalenbrauen.jpg Neulich las ich in der Zeitung von einem wirklich schrägen Fall irgendwo in einem Dörfchen im tiefsten Westfalen. Es ging um Liebe, Sex und Leidenschaften, was man in Westfalen gar nicht vermuten würde, und um Pfannkuchen, Tresorknacker und einen sehr alten Teppich, in dem ein unglücklicher Ehemann eine ziemlich unfreiwillige Reise gemacht hat.

Aber der Reihe nach. Ich lese also von einer gewissen Justine, einer durchschnittlichen Hausfrau in einem durchschnittlichen Haus, mit durchschnittlichen Kindern, einem durchschnittlichen Garten und einer durchschnittlich gut funktionierenden Ehe. Bis Franz-Otto in ihr Leben tritt.

Da ist es vorbei mit Justines Durchschnittlichkeit, und sie entflammt derart für Franz-Otto, dass sie bereit ist, alles stehen und liegen zu lassen, um mit ihm durchzubrennen. Franz-Otto, ein Freund der Familie, empfindet nicht minder viel für Justine, doch da ist Eugen, Justines Ehemann und Franz-Ottos Freund. Und der ist dummerweise überdurchschnittlich wertkonservativ: eine Scheidung käme für ihn gar nicht in Frage.

Justine, jetzt vor lauter Lust ganz von Sinnen, schmiedet einen teuflischen Plan: Sie will ihren Mann vergiften. Und so beschließt sie, Eugen eine Freude zu machen und ihm sein Lieblingsessen zu bereiten: Pfannkuchen. Doch dieser Pfannkuchen hat es in sich: Ein starkes Beruhigungsmittel soll Eugen das Lebenslichtlein auspusten.

Doch Eugen ist viel zäher, als Justine es für möglich gehalten hätte: Der wuchtige, über 100 Kilo schwere Stahlarbeiter wird gerade mal etwas schläfrig von dem Pfannkuchen, was Justine geradezu verzweifeln lässt. Ratlos benachrichtigt sie ihren Liebhaber Franz-Otto. Wie der Zufall so spielt, schaut der nach dem Essen herein und lädt Eugen zu einer Spazierfahrt ein. Wäre Eugen Mafioso gewesen, hätten hier spätestens die Alarmglocken schrillen müssen, aber Eugen ist Westfale, und so eine Spazierfahrt durch das schöne Westfalen nach einem fetten Mahl … das hat doch was.

Vom schönen Westfallen sieht Eugen nicht mehr viel: In einer stillen Ecke erschießt ihn sein Freund Franz-Otto. Da der nicht so recht weiß, wo er die Leiche verschwinden lassen soll, rollt er sie in einen alten Teppich und verstaut sie im Lieferwagen eines Freundes. Am nächsten Tag will er Eugen dann in aller Ruhe verschwinden lassen.

Als Franz-Otto den Transporter am nächsten Morgen aufsucht, trifft ihn fast der Schlag: Die Kiste ist weg. Was uns zu einer Bande rumänischer Panzerknacker bringt, die mit dem Transporter einige Tage durch die Gegend kutschieren, ohne zu wissen, dass in dem alten Teppich der tote Eugen eingewickelt ist.

Im Nachbarort steigen die Diebe in die örtliche Post ein, klauen den Tresor und fahren damit zu einem einsam gelegenen Sportheim, um ihn dort in aller Ruhe aufzuschweißen. Der Transporter nebst Teppich und Leiche bleiben zurück.

Für die örtliche Polizei, die den Transporter und den aufgeschweißten Tresor finden, eine klare Sache: Einbruch mit einem geklauten Auto. Also Wagen sicherstellen und ab ins Wochenende: Die Spurensicherung erledigt den Rest. Am Montag, versteht sich. Der Stress frisst einen ja sonst auf.

Justine indessen meldet ihren Mann als vermisst, und bekommt Montag morgen prompt einen Anruf. Ihr Mann ist aufgetaucht, unglücklicherweise nicht mehr am Leben … eingerollt in einen Teppich … gefunden in einem Lieferwagen … in der Polizeigarage.

Eugen wird endlich ordnungsgemäß beerdigt. Doch diesmal geht die Polizei nicht ins Wochenende und kommt dem Liebespaar rasch auf die Schliche: Franz-Otto hält dem Druck nicht Stand und gesteht. Und Justine gleich mit. Gerüchteweise haben Franz-Ottos Augenbrauen die Kripo auf die Spur gebracht. Der hatte seinen Opel, in dem er Eugen erschossen hatte, in Brand gesteckt, um Spuren zu verwischen. Und dabei ein bisschen nahe dran gestanden.


 

Erik, der Zeitreisende

erik.jpg Keine Ahnung, was mich hat aufmerksam werden lassen. Ich meine, sind wir doch mal ehrlich: Wer beachtet schon einen Penner? Auch wenn er immer am selben Platz sitzt. Und normalerweise rück ich auch keine Kohle raus, weil ich der Meinung bin, er könnte genauso gut was tun für seine Kohle, statt einfach die Hand aufzuhalten: schlecht singen, zum Beispiel. Oder schlecht Triangel spielen. Oder schlecht bauchrednern.

Was an jenem Morgen anders war …? Vielleicht das Geklimper von sehr kleinem Kleingeld in meiner Hosentasche. Mich nervt das. Die Finger riechen nach dreckigem Metall, und kaufen kann man davon auch nichts. Ich hab mal drüber nachgedacht, damit die Enten zu füttern und es Kunst zu nennen, aber das Konzept kam in der Öffentlichkeit nicht gut an. Sonst finden die jeden Scheiß innovativ, aber versenk mal eine fette Ente … da ist was los!

Jedenfalls hab ich ihm mein klitzekleines Kleingeld gegeben. Gegen meine Prinzipien. Einfach so. Und er sagt: „Danke, Andreas.“

Und ich sage: „Schon gut, Mann.“

Während ich weitergehe, arbeitet es in mir. Kennen Sie die Sekunde, kurz bevor man auf eine Sache kommt? So, als ob man seinem Marmeladenbrot hinterher schaut, das einem gerade aus der Hand gefallen ist. Dann macht es Flatsch und man weiß es: wieso kennt der meinen Namen? Also gehe ich wieder zurück und frage ihn.

Er antwortet: „Wir sind doch Freunde.“

„Wir sind Freunde? Seit wann das denn?“

„In ein paar Tagen werden wir Freunde sein.“

„Aha. Und wieso weißt du dann jetzt schon meinen Namen?“

„Weil du dich mir gleich vorstellen wirst.“

„Warum sollte ich das tun?“

„Das fragst du mich?“

Es gibt Unterhaltungen, die führen ins Nichts. Und vor allem führen sie dazu, dass man seinen Bus verpasst. Und das wiederum führt dazu, dass man stinksauer zurücklatscht und sich bei dem beschwert, der einen den Bus hat verpassen lassen. Doch bevor ich ihn anpflaumen kann, sagt er: „Du hast den Bus verpasst, ich weiß.“

„Ja, aber das ist nicht der Punkt …“

„Den 105er, richtig?“

„Ja, aber das ist auch nicht der Punkt … woher weißt du das?“

Er steht auf und gibt mir die Hand: „Hallo, ich bin Erik, der Zeitreisende.“

„Andreas, hallo.“

Erik nickt grinsend und mir fällt auf, dass ich mich ihm soeben vorgestellt habe. Genau wie er es vorhergesagt hat.

Erik und ich wurden in den nächsten Wochen tatsächlich Freunde. Ich brachte Rotwein mit – und keinen billigen, da Erik schlechten von gutem Rotwein sehr gut unterscheiden konnte, schließlich hatte er viele Jahre die Rotweinherstellung im siebzehnten, achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert begleitet. Was ihn nicht davon abhielt, einen Grand Cru an den Hals zu setzen und ihn wie Sprudel runterzukippen. Er wusste Erstaunliches zu berichten, weniger über das, was jedermann im Geschichtsbuch nachschlagen konnte, sondern über das, was eben nicht im Geschichtsbuch stand und dort auch niemals stehen würde. Wussten Sie, zum Beispiel, dass Napoleon Frauenunterwäsche trug? Also, ich nicht.

„Und das ist wirklich wahr? Das mit Napoleon?“

„Natürlich ist das wahr.“

„Und was ist mit den anderen … Stalin, zum Beispiel?“

„Der auch.“_„Was denn? Der auch?“

„Wenn ich’s dir sage.“

„Und … Katharina die Große?“

„Die trug auch Frauenunterwäsche.“

„Nein, das meine ich nicht. Man sagt ihr Dinge nach. Mit Männern. Und einem Pferd …“

„Nein, kein Pferd. Da war nur mal ein sibirischer Hauptmann dabei, den nannten alle Pferd, wenn du verstehst, was ich meine …“

Ich verstand. Und war sicher, nie wieder ein Geschichtsbuch in die Hand nehmen zu können, ohne dass sich Bilder in meinem Kopf manifestierten, die jedes historische Ereignis zu einer Ansammlungen von Perverslingen und Travestiten machte. Trotzdem waren seine Geschichten amüsant, und wenn er sich an etwas nicht mehr erinnerte, schloss er kurz die Augen, sackte ein Stück in sich zusammen und tauchte ruckartig wieder auf.

„Also, ich war noch mal da“, sagte er dann, „und ich versichere dir: Michelangelo schielt.“

„Du hast ihn getroffen?“

„Was heißt hier getroffen? Ich hab ihm zwei Jahre lang assistiert.“

Ich rief: „Du warst gerade mal zehn Sekunden weg!“

Er antwortete ruhig: „Hätte ich dich hier jetzt zwei Jahre warten lassen sollen?“

So ging das die ganze Zeit zwischen uns. Ab und zu tauchte er ab, dann war er wieder da und wusste alles über Galeerensklaverei, römischen Handel, griechische Baukunst, mittelhochdeutschen Minnegesang oder neuzeitlichen Kolonialismus. Und weil ich ihm weiterhin feinen Rotwein servierte und ihn dazu überredete, Gläser zu benutzen, gaben wir beide ein seltsames Bild ab: ein Penner und ein Neunmalkluger, die Rotwein aus teuren Gläsern tranken und sich – an einer Häuserwand sitzend – unterhielten.

Das hätte ewig so weitergehen können, denn die Gespräche mit Erik, dem Zeitreisenden, gaben meinem Tag Struktur und ließen mich immer lächelnd nach Hause gehen. Dann, plötzlich, hatte ich eine tolle Idee, die im Nachhinein betrachtet, die dümmste war, auf die ich je gekommen bin.

„Sag mir die doch mal Lottozahlen von nächster Woche“, forderte ich ihn auf.

Er schüttelte den Kopf: „Ich kann nicht in die Zukunft reisen. Nur in die Vergangenheit.“

Ich kratzte mich am Kinn. „Wenn du in der Vergangenheit bist, musst du doch auch in die Zukunft, um zurückzukommen?“

Erik schüttelte den Kopf: „Nein, ich muss in die Gegenwart. Nicht in die Zukunft.“

„Moment!“ rief ich. „Als wir uns kennen lernten, hast du mir gesagt, wir wären schon Freunde … also: Zukunft!“

Wieder schüttelte er den Kopf: „Nur, weil du das Hier und Jetzt für die Gegenwart hältst.“

„Sind wir nicht in der Gegenwart?“

„Nein. Aber wir sind auch nicht weit davon entfernt.“

Ich dachte nach: Wenn wir nicht in der Gegenwart waren, dann waren wir in der Vergangenheit. Die ich für die Gegenwart hielt. Und der Rest der Menschheit auch. Das war ja mal eine Neuigkeit! Und ein praktische noch dazu. Man könnte gleich einschätzen, ob ein Geschäftsessen zu einem Auftrag oder ein Date zu einer Liaison führte, oder ein Fußballspiel den Eintritt lohnte. Oder ob deine Zahlen auf dem Lottoschein die richtigen waren.

„Kannst du nicht eine Ausnahme machen? Mir zuliebe?“

Erik zögerte: „Weil du mein Freund bist?“

„Ja.“

„Dein Leben wird sich ziemlich verändern …“

Ich zuckte mit den Schultern: „Darauf lass ich es ankommen.“

Er zögerte einen Moment, dann sagte er: „Ich kann dir die Zahlen von nächster Woche nicht sagen.

Was er damit meinte, ging mir erst eine Woche später auf, als ich die Schlagzeilen in der Zeitung las: keine Lottozahlen. Die Mischmaschine hatte versagt. Zum ersten Mal überhaupt. Ich lief zu seinem Platz, aber er war nicht mehr da. Und auch nicht am nächsten Tag. Oder am übernächsten. Ich fürchte, er wird nicht wieder zurückkommen. Ich vermisse unsere schrägen Gespräche und den Rotwein auf der Straße. Es hat mein Leben so schön bunt gemacht – jetzt ist es wieder grau. Alles hat sich verändert. Genau wie er es vorausgesagt hatte.


 

Letzte Ausfahrt: Tiefgarage

mort_a_vouz.jpg Letztens war ich mit meinem Freund Salvatore essen, und als es ans Zahlen ging, lud er mich mit lässiger Geste ein und beglich die Rechnung mit einem Hunderter. Den Rest überließ er der hübschen Bedienung als Trinkgeld: 37,30 Euro. Ich war ziemlich fassungslos, denn Salvatore ist zwar ein netter Kerl, aber er ist für gemeinhin derart sparsam, dass ihn ein Witzbold mal bei Wikipedia unter „berühmte Geizkragen“ verewigte. Dabei ist der gar nicht berühmt.

Es ging munter weiter: Cocktail, Zigarre, Szenebar. Alles auf seine Kosten. Was er damit bezweckte, wusste ich nicht, aber dass er etwas damit bezweckte, schien mir mehr als offensichtlich. Was gab es zu feiern? Eine neue Liebe? Ein neues Leben? Schalalala? Ich schwieg, wenn ich auch vor Neugier platzte. Denn Salvatore war für gewöhnlich nicht nur ein Geizkragen, sondern auch ein Geheimniskrämer. In seinem Fall bedeutete dies, dass er mit Dingen selbst herausrückte oder gar nicht.

Also wartete ich.

Irgendwann sagte er: „Du fragst dich sicher, was mit mir los ist?“

Ich zuckte scheinheilig mit den Schultern: „Nein. Ist was los?“

„Ich habe einen neuen Job.“

„Was für einen Job?“

Er zögerte: „Das ist kompliziert …“

„Aha.“

Ehrlich gesagt war alles irgendwie kompliziert bei Salvatore. Als Verwaltungsbeamter im Bauamt hatte er eine Menge mächtig komplizierter Vorgänge zu bewältigen. Da war die komplizierte Kaffeemaschine, die komplizierten Ordner, der komplizierte Schreibtisch, und die komplizierte Beziehung zu Fräulein Schmidt, als Schreibtischunterlage, die immer nur Sex, Sex, Sex wollte. Komplizierten Sex natürlich.

„Du arbeitest nicht mehr auf dem Amt?“ fragte ich erstaunt.

Er antwortete: „Doch.“

„Hast du nicht gerade gesagt, du hättest einen neuen Job?“

„Ja.“

„Und noch einen anderen dazu?“

„Wenn man so will: ja.“

„Wenn man so will?“

„Es ist kompliziert.“

Dann zahlte er und schob mich nach draußen. Was er mir zu erklären hatte, konnte er nur im Auto tun.

„Du hast ein Auto?“, fragte ich verwundert. Denn Autos waren für ihn der Inbegriff der Geldverschwendung. Bisher jedenfalls.

Er nickte: „Ja … da vorne …“

Ich sah herüber und entdeckte einen Ferrari.

„Du meinst den Roten da?“

„Ja.“

Wir starteten durch und fuhren scheinbar ohne Ziel durch die Stadt. Zögerlich begann er, mir von seiner Verwandtschaft zu erzählen, die da eigentlich eine gute Idee gehabt hätte, wenn moralisch auch etwas zweifelhaft, aber doch eine gute Idee. Wo doch Beerdigungen so verdammt teuer geworden wären. Mittlerweile musste man schon sein ganzes Leben sparen, nur um einmal ordentlich unter die Erde gebracht zu werden. Das war doch nun wirklich ein Skandal. Ich verstand kein Wort. Wir hielten an einem Hochhaus in einem Neubaugebiet.

„Opa Federico!“ sagte Salvatore, als ob das alles erklären würde. „Du weißt doch: mein Lieblingsopa.“

„Der ist doch seit ein paar Jahren tot.“

„Davon red ich doch.“

„Wovon?“

„Vom Sterben. Und den hohen Kosten. Hörst du mir denn nicht zu?“

„Doch … es ist nur … kompliziert.“

Er schüttelte den Kopf: „So kompliziert nun auch wieder nicht … guck mal da!“

Ich sah aus dem Seitenfenster auf die Ausfahrt zur Tiefgarage. Es war eine sehr schöne Ausfahrt zu einer Tiefgarage. Jedenfalls sagte ich das Salvatore.

„Quatsch!“ zischte Salvatore. „Jetzt! Guck mal!“

Jemand verließ gerade die Tiefgarage und hinter ihm ratterte das Tor wieder herunter. Jetzt konnte ich es lesen: Arrivederci Federico. Als Graffiti.

„Sehr hübsch“, nickte ich, „nur …“

„Opa liegt da.“

Für einen Moment glaubte ich, nicht richtig gehört zu haben. „Wie: da?“

„Im Fundament.“

„Wie bitte?“

Salvatore zuckte mit den Schultern: „Weißt du, was eine deutsche Beerdigung kostet? Wir wären alle Pleite gegangen. Und jetzt sieh dir das an: Ist es nicht schön? Wir haben den besten Graffitikünstler engagiert. Und jetzt grüßt uns Opa jedes Mal, wenn einer zur Arbeit fährt. Jetzt gib zu: das hat doch was?!“

Wir fuhren weiter, während ich fieberhaft überlegte, ob Salvatore mich gerade auf den Arm nahm oder nicht. Er arbeitete auf dem Bauamt, wusste also von allen Baustellen, die es im Stadtgebiet gab. Und er war geizig bis zum geht nicht mehr. Hatte er das wirklich gemacht?

„Die meisten sind von der Sache begeistert“, sagte er.

„Die meisten?“

„So was spricht sich schnell rum, weißt du?“

„Das heißt, du … ihr habt noch mehr Leute vergraben?“

„Na ja, überall wo gebaut wird. Schau mal!“

Wir fuhren auf eine Brücke zu, an deren Pfeiler stand: Wilhelm Bungert ist der Größte. Eindeutig von gleichen Graffitisprayer.

„Du kannst dir deine Inschrift vorher aussuchen. Kannst alles haben. Vom einfachen Schriftzug bis zum Graffiti Deluxe. Wir bringen jeden für 299 Euro unter die Erde. Mit einem schicken Graffiti für 399 Euro. Da!“

Wir passierten ein Einkaufszentrum. Hier stand: Ich liebe Maria. Ulla und Deniz. Herbert war hier. Nobody is perfect, Ralfi. Es war unfassbar, wie viele Graffitis ich entdeckte. War mir vorher nie aufgefallen.

„Und wenn die einer wegmacht?“ fragte ich.

„Dann machen wir sie wieder dran. Gehört zum Service.“

„Und warum sagst du mir das alles?“

„Du bist doch gerade nach Berlin versetzt worden?“

„Ja, und?“

„In Berlin wird viel gebaut.“

„Ich bin Städteplaner, Salvatore. Nicht Beerdigungsunternehmer.“

Salvatore seufzte: „Überleg’s dir. Ich krieg da gerade eine Busladung Rentner aus dem Sauerland rein. Die waren noch nie in Berlin.“

Ich schwieg einen Moment. Ließ man den pietätlosen Teil des Unternehmens weg, war es eigentlich ziemlich wurscht, wo man lag. Und dass Kirche und Staat ein Monopol auf die letzte aller Reisen hatten, wäre grundsätzlich mal einen Antrag beim Kartellamt wert. Warum durften die Ferrari fahren und ich nicht? Im übertragenen Sinne, meine ich.

„Ich denk drüber nach, okay?“

Salvatore nickte.

Wir passierten das neue Finanzamt. Dort stand: Markus Großmann klaut bei Aldi.

„Und hast du keine Angst, dass dich einer anzeigt?“

Salvatore zuckte mit den Schultern: „Und was passiert dann? Sie reißen das Finanzamt ab, um im Fundament nach Markus Großmann zu suchen?“

„Hat der wirklich bei Aldi geklaut?“

„Keine Ahnung. Seine Alte hat nicht gezahlt.“

Jetstream

jetstream.jpg Letztens hatte ich Geburtstag. Jetzt bin ich nicht so ein Typ, der gerne Geburtstag feiert, weil ich die vielen Überraschungen fürchte, die sich die lieben Freunde für einen ausgedacht haben. Doch diesmal hatte ich Glück. Statt Freude über Geschenke zu heucheln, die in diametraler Verkennung meines Charakters erworben wurden, bekam ich eine Ballonfahrt.

Gut, ich habe Höhenangst und neige zur Klaustrophobie, aber solche Ballonfahrten sollen ja sehr sicher sein. So sicher nun auch wieder nicht, sagt mein Freund Winni. Aber runter kommt man immer. Manchmal verteilt auf einer Fläche von mehreren Quadratkilometern. Winni sagt, wenn das passiert, solle man versuchen, im Sturzflug einen Baum anzusteuern. Da hätte man die besten Chancen. Ich frage mich nur: die besten Chancen auf was? Einen Baum von der Krone bis zur Wurzel zu spalten? Eine neue Körpergröße von 1,30 Meter? Windeln auf der Komastation? Ich gebe zu, ich bin zuweilen pessimistisch. Und wir sind auch nicht abgestürzt. Es war alles noch viel schlimmer. Aber ich will nicht vorgreifen.

Wir bestiegen den Ballon an einem herrlichen Sommertag, mit majestätisch blauem Himmel und einem prächtig gewölbten, riesigen Ballon, der prall gefüllt nur noch von einem Anker am Flug gehindert wurde. Meine Frau begleitete mich und redete mir gut zu, als wir mit dreizehn Leuten in den Korb stiegen. Elf Passagiere, ein Kapitän und ein renitenter Rentner, der von seiner Familie in den Ballon bugsiert wurde. Auch ein Geburtstagsgeschenk.

Schon fauchte der Gashahn, der Ballon stieg auf. Wir schwebten davon, kletterten höher und höher und erreichten bald Reiseflughöhe. Es war ein herrlicher Anblick. Es war mild, ruhig, friedlich. Die wunderbare Landschaft unter uns, der Himmel über uns. Alles hätte so schön können … bis Opa sich meldete. Er sagte nur einen Satz. Und der schlug ein wie eine Kartjusha-Rakete in einen gigantischen Pudding. Er sagte: „Verdammt noch mal, wo ist eigentlich mein Imodium akut?“

Sonst nichts. Und es war, als hätte jemand gegen einen Plattenspieler getreten, der bis dahin nichts als zärtlichen Mozart gespielt hatte. Ich blickte nach unten: 500 Meter. Mindestens. Genau über einer Ortschaft. Und wie der Teufel es wollte, rührte sich kein Lüftchen mehr.

Dann – in die Stille – ein lautes, feuchtwarmes Sprotzen, so laut, als hätte der Ballonfahrer den Brenner betätigt. Hatte er aber nicht. Um Opa bildete sich eine Wolke des Todes und sie griff rasch um sich. Wollen Sie wissen, wie viele Personen auf etwa einem halben Quadratmeter stehen können? Ich sag’s ihnen: es sind genau zwölf. Rasch geriet der ganze Ballon in gefährliche Schieflage. Der Kapitän befahl, sich wieder im Geviert zu verteilen – seinen Platz in der Mitte hatte er allerdings als erstes aufgegeben.

„Runter!“ schrie ich. „Sofort landen!“ Das jedoch ging nicht. Wir schwebten über bebautem Gebiet.

„Dann steigen! Los! Da oben muss es irgendwo Jetstreams geben. Die sind 500 Kilometer schnell!“

„Bis wir die erreicht haben, sind wir alle tot“, sagte der Kapitän._„Gut, dann schmeiß ich Opa über Bord.“

Sehen Sie, ich hatte nicht vor, Opa über Bord zu werfen, aber der Alte reagierte sofort: Ein explosionsartiges Donnern in seiner Hose ließ uns wissen, dass er Angriffen gegenüber sehr wohl gewappnet war. Seine Augen funkelten mich böse an, so als ob er sagen würde: Versuch’s nur, Freundchen. Da wo das herkommt, gibt’s noch viel mehr.

Da standen wir nun still in der Luft, dieser prächtige Ballon in einsamer Stille eines ihn umgebenden Blaus, und rührten uns keinen Millimeter. Zwölf Mann auf der einen Seite – einer auf der anderen. Der pestilenzartige Gestank hatte den Korb nun vollständig eingekapselt und die Passagiere wie Kätzchen, die man am Genick hochhob, paralysiert. Nur einer hatte seine sichtliche Freude an dem Drama: Opa. Ein diabolisches Lächeln umspielte seinen Mund, und er pfiff fröhlich einen Marsch, weil er wusste, dass er für gewalttätige Übergriffe unerreichbar war. Dann und wann – aus purer Bosheit – ging er in Stellung, nur um sich gleich darauf wieder zu entspannen.

„Gott“, wisperte meine Frau, „Was hat der nur gegessen?“

„Keine Ahnung, aber eins ist sicher: Es war schon sehr, sehr lange tot, bevor er es sich reingeschoben hat.“

„Jetzt tu doch was!“

Ich blickte über den Korb. „Da unten steht ne Tanne. Winni hat gesagt, da hätte man gute Chancen.“

„Winni hat auch gesagt, die Rolling Stones wären die amerikanische Antwort auf die Beatles.“

„Dann bleiben wir eben hier und sterben in Würde.“

Wie lange wir vegetierten weiß ich nicht mehr – ich glaube, ich habe zwischendurch mal das Bewusstsein verloren. Aber irgendwann landeten wir dann doch. Zwölf stürzten förmlich aus dem Ballon heraus, während einer triumphierend aus dem Korb stolzierte. Wir hätten ihn gerne erschlagen, aber niemand wusste, ob er noch eine Ladung intus oder im Ballon nur damit geblufft hatte.

Sein Schwiegersohn und dessen Frau holten ihn ab. Ich hörte noch, wie sie sagte: „Hast du nicht gesagt, die Dinger stürzen ständig ab?“

Er flüsterte: „Als nächstes nehmen wir diese U-Boot-Reisen auf der Barentssee. Auf die Russen ist Verlass …“ Dann breitete er die Arme aus: „Na, Opa? Wie war die Fahrt? Schön?“

 

Gullyboy aus Guatemala

gullyleer.jpg Wer reist, bringt nicht selten was mit nach Hause. Fotos machen die meisten und quälen anschließend ihre Freunde mit Vorführungen oder Geschichten ohne jede Pointe. Geschichten, die in aller Regel damit anfangen: „Also, da muss ich dir eine Geschichte erzählen, da schlackerst du mit den Ohren …“ Was dann kommt, ist an Ödnis nicht mehr zu übertreffen, und wenn man mit den Ohren schlackert, dann nur deswegen, weil man im Durchzug steht.

Andere, die Wagemutigen, essen wie die Einheimischen, probieren alles aus und verbringen viel Zeit auf dem Klo. Es gibt eigentlich nichts Unterhaltsameres als einen politisch korrekten Deutschen, der im indonesischen Dschungel das von einer alten Frau vorgekaute, in einer schmutzigen Schüssel zu Alkohol gegorene Maniok auf Ex kippt, um zu beweisen, dass er fremde Kulturen respektiert.

Wieder andere halten sich am Hotel schadlos. Ich kannte mal einen, der räumte sämtliche Hotels leer, wenn er abreiste. Nicht nur Bademäntel und Seife. Einfach alles. Bettzeug, Fön, und wenn der Koffer groß genug war: den Fernseher. Er fand, dass Hotelpreise generell zu hoch angesetzt waren und dass er ein Recht auf die Sachen hätte.

Ich ging eine Weile zu einem Frisör, der alle seine Reisen auf einer großen Weltkarte markiert und dann im Frisörsalon aufgehängt hat. Darüber stand: Alle meine Reisen.

Und dann hätten wir noch die Sammler. Und man kann ‚ne Menge Sachen sammeln: afrikanische Fruchtbarkeitsgöttinnen, Tiere jeder Art, meist jedoch Elefanten, Aschenbecher, Geschlechtskrankheiten. Je bekloppter, desto besser.

König der Skurrilitätensammler, auf den ich letztens im Internet gestoßen bin, ist ein Mann, der Gullydeckel sammelt. Im Gullyversum gibt es alles. Gullydeckel aus Antigua oder Grenoble, Tripolis oder Mannheim. Einfach überall her. Die Kuriosesten nennt er Mutationen. Die Frage sei erlaubt, wer da wie und wann zu was mutiert ist.

Sie können sich, wenn Sie wollen, den Gullydeckel Ihres Herzens übrigens anfertigen lassen. Da fehlt dann zwar ein bisschen der Stallgeruch – und das kann man in diesem Fall fast schon wörtlich nehmen –, aber bevor Sie sich mit der Polizei in Guatemala anfeinden, weil Sie nach Mitternacht auf der Hauptverkehrsstraße an einem Gullydeckel rummachen, bedenken Sie eins: Die Dinger wiegen bestimmt 80 Kilo und Ihre vierköpfige Familie müsste nackt zurückreisen, weil Sie das Übergepäck nicht bezahlen können.

Falls doch, sagen Sie mir Bescheid. Ich mache dann ein Foto vom Gullyboy aus Guatemala. Dann hätte ich mal ‚ne Story, dass alle mit den Ohren schlackern.

 

Satanische Pudel

lammpudel.jpg In Japan kennt man keine Schafe. Vielmehr hat man da nicht so große Erfahrungen mit Schafen. Was ich erstaunlich finde, denn das gemeine Schaf ist außer im Dschungel oder in der Wüste recht oft zu finden, und man kann ja kaum behaupten, dass Japan Sumpf- oder Wüstengebiet wäre.

Warum ich das erwähne? Weil ich letztens Zeitung gelesen habe. Und was glotzt mich da auf einem riesigen Foto an? Ein Schaf, richtig. Also genauer gesagt: ein Lamm. Nur sah es nicht aus wie ein Lamm, sondern wie ein Pudel. Sie wissen schon: toupierte Haare, rasierte Kränze um die Füße, Lockentolle und Bömmelchenschwanz. Zum Schießen.

Noch erstaunlicher war der Bericht zum Bild, denn das rasierte und toupierte Lämmchen wurde von einem Polizisten in die Kamera gehalten. Als Beweisstück, quasi. Eine heimtückische Bande hatte es fertig gebracht, rund 2000 Lämmlein zu rasieren und zu toupieren und als Königspudel im Internet anzubieten.

Jetzt ist die Idee so schräg, dass man förmlich die Handschellen klicken hört, weil ja niemand so blöd sein kann, ein Lamm nicht von einem Pudel zu unterscheiden, aber in Japan hat man eben nicht so viel Erfahrung mit Schafen, wohl aber ein großes Verlangen nach Königspudeln.

Was soll ich sagen: Die Bande hat tatsächlich alle 2000 Lämmlein vertickt. An ebenso viele Japaner. Und es wäre wohl nicht einmal herausgekommen, wenn sich eine japanische Schauspielerin nicht beschwert hätte, dass ihr Pudel so komische Geräusche von sich geben würde und das Fresschen verweigert.

Jetzt kann man ja mal reingelegt werden, und die Lämmchen sahen wirklich scharf aus als Pudel, und dass sie kein Hundefutter mochten, hätte man ja noch als vegetarische Veranlangung durchgehen lassen können und ein Bääähbäähh vielleicht noch als Fremdsprache, aber hat denn niemand drüber nachgedacht, dass Hunde keine Hufe haben?

Es sei denn, der Pudel wurde in ganz bestimmten Kreisen angeboten und verkauft. Dann allerdings gäb’s keinen Grund zur Beschwerde, denn rasierte und toupierte Lämmer wurden schon im Mittelalter als satanische Pudel verfolgt, auf den Scheiterhaufen gebracht und anschließend gegessen.

 

Texas Chili

chili-1gif.png Manchmal werden einem Geschichten zugespielt, die so witzig sind, dass sie eigentlich nicht wahr sein können. So wie die vom unglücklichen Edgar, der in Texas an einem Chili-Wettbewerb als Juror teilnahm. Seine Erfahrungen hat er glücklicherweise zu Papier gebracht und sie sollen hier – in unserem wunderbaren, kleinen Reiseblog – auf keinen Fall verschwiegen werden.

Chili 1: Mike’s Maniac Mobster Monster Chili

Richter 1: Etwas zu tomatenbetont; amüsanter Kick.

Richter 2: Angenehmes, geschmeidiges Tomatenaroma. Sehr mild.

Edgar: Ach, du Scheiße! Was ist das denn für ein Zeug?!! Damit kann man ja getrocknete Farbe von der Autobahn lösen!!! Brauche zwei Bier, um die Flammen zu löschen.

Chili 2: Arthur’s Afterburner Chili

Richter 1: Rauchig, mit einer Note von Speck. Leichte Peperonibetonung.

Richter 2: Aufregendes Grillaroma, braucht mehr Peperoni um ernst genommen zu werden.

Edgar: Schließt das Zeug vor Kindern weg! Ich weiß nicht, was ich hier außer Schmerzen noch schmecken könnte. Zwei Leute wollten erste Hilfe leisten und schleppten mehr Bier ran, als sie meinen Gesichtsausdruck sahen.

Chili 3: Fred’s famous „Burning down the House Chili“

Richter 1: Exzellentes Feuerwerk Chili! Mordskick! Bräuchte mehr Bohnen.

Richter 2: Ein bohnenloses Chili, ein wenig salzig, gute Dosierung roter Pfefferschoten.

Edgar: Ruft den Katastrophenschutz! Ich hab ein Uranleck gefunden! Meine Nase fühlt sich an, als hätte ich Rohrfrei geschnieft. Inzwischen weiß jeder was zu tun ist: Bringt mehr Bier, bevor ich zünde. Die Barfrau hat mir auf den Rücken gehauen; jetzt hängt mein Rückgrat vorne am Bauch. Langsam kriege ich Gesichtlähmung von dem ganzen Bier!

Chili 4: Bubba’s Black Magic Richter 1: Chili mit schwarzen Bohnen, fast ungewürzt. Enttäuschend.

Richter 2: Ein Touch von Limonen. Gute Beilage für Fisch. Eigentlich kein richtiges Chili.

Edgar: Ist es möglich, einen Tester auszubrennen? Sally, die Barfrau, stand hinter mir mit Biernachschub. Die hässliche Schlampe fängt langsam an, heiß auszusehen; genau wie dieser radioaktive Müll, den ich hier esse.

Chili 5: Linda’s Legal Lip-ex Richter 1: Fleischig starkes Chili. Frisch gemahlener Cayennepfeffer fügt einen bemerkenswerten Kick hinzu. Sehr beeindruckend.

Richter 2: Hackfleischchili, könnte mehr Tomaten vertragen. Ich gebe zu, dass der Cayennepfeffer Eindruck hinterlässt.

Edgar: Meine Ohren klingeln, Schweiß läuft mir in Bächen herunter und ich kann nicht mehr klar sehen. Musste furzen und vier Leute hinter mir mussten vom Sanitäter behandelt werden. Die Köchin schien beleidigt zu sein, als ich ihr erklärte, dass ich von ihrem Zeug einen Hirnschaden erlitten habe. Sally goss mir Bier direkt aus dem Zapfhahn auf die Zunge und stoppte so die Blutung.

Chili 6: Vera’s Vegetarian Chili Richter 1: Dünnes, aber dennoch kräftiges Chili. Gute Balance zwischen Chili und den anderen Gewürzen.

Richter 2: Das Beste bis jetzt! Aggressiver Einsatz von Chilischoten, Zwiebeln und Knoblauch. Superb!

Edgar: Meine Därme sind ein gerades Rohr voller gasiger, schwefeliger Flammen. Ich habe mich vollgeschissen, als ich furzen musste, und ich fürchte, es wird sich durch Hose und Stuhl fressen. Niemand traut sich mehr, hinter mir zu stehen. Kann meine Lippen nicht mehr fühlen. Habe das Bedürfnis, mir den Hintern mit einem großen Schneeball abzuwischen._

Chili 7: Susan’s Screaming Chili Sensation

Richter 1: Ein moderates Chili mit zu großer Betonung auf Dosenpeperoni.

Richter 2: Ahem, schmeckt, als hätte der Koch tatsächlich im letzten Moment eine Dose Peperoni reingeworfen. Ich mache mir Sorgen um Richter 3. Er scheint sich ein wenig unwohl zu fühlen und flucht unkontrolliert.

Edgar: Ihr könnt eine Granate in meinen Mund stecken und den Bolzen ziehen: Ich würde nichts spüren. Auf einem Auge sehe ich gar nichts mehr und die Welt hört sich wie ein großer, rauschender Wasserfall an. Mein Hemd ist voller Chili, das mir unbemerkt aus dem Mund getropft ist. Meine Hose ist voll lavaartigem Schiss und passt damit hervorragend zu meinem Hemd. Habe beschlossen, das Atmen einzustellen. Zu schmerzhaft.

Chili 8: Helena’s Mount Saint Chili

Richter 1: Ein perfekter Ausklang. Ein ausgewogenes Chili, pikant und für jeden geeignet.

Richter 2: Ein gut balanciertes Chili, weder zu mild noch zu scharf. Bedauerlich nur, dass das meiste davon verloren ging, als Richter 3 ohnmächtig vom Stuhl kippte und dabei den Topf über sich ausleerte. Armer Kerl; frage mich, wie er auf ein richtig scharfes Chili reagiert hätte.

 

Männliche Männer

men.jpg In Polen gibt’s die härtesten Kerle, sagt mein Freund Willi. Und Willi muss es wissen, weil Willi sich damit eingehend beschäftigt hat. Neulich saßen wir bei einem Bier zusammen, und er trug mir die Ergebnisse seiner Recherche vor, bei der sich ganz klar herauskristallisierte, dass es in Polen einfach die männlichsten Männer gibt.

Da stellt sich natürlich die Frage: Wie messe ich das? Gibt es so was wie ein Mann-O-Meter? Wie vergebe ich objektiv Punkte für Männlichkeit, so dass sich eine Reihenfolge ergibt mit einem ersten Platz und einem letzten Platz. Und obwohl sich Männlichkeit wissenschaftlich nur schwer in verifizierbare Tabellen gießen lässt, war sich Willi trotzdem sicher, dass die kernigsten Typen aus Polen kommen.

„Moment!“ wand ich ein, „letztens lief im Nachtprogramm des Sportfernsehens so ein Härtester-Mann-der-Welt-Contest! Und an eines kann ich mich gut erinnern: Der Sieger war kein Pole. Eher Ukrainer oder Lette oder so was.“ Für diejenigen, die die Sendung nicht gesehen haben, nur soviel: Das war die prächtigste Bullenzuchtschau seit langem. Die Burschen hatten mehr Bizeps als ich Oberschenkel und mussten zum Beispiel 150 Kilo schwere Betonkoffer schleppen oder 300 Kilo schwere Traktorreifen umdrehen. Vom Lkw-Weitziehen will ich da gar nicht reden. Da waren Typen bei, die derart viel Testosteron ausgeschwitzt haben, dass den weiblichen Fans davon ein Penis gewachsen ist.

Willi winkte ab: Nicht schlecht, aber nur im Mittelfeld seiner Männlichkeitsskala. Ich war platt; wenn das nur Mittelmaß war, dann wollte ich lieber nicht wissen, wo ich in dieser Tabelle landen würde. Vermutlich hinter lateinamerikanischer Formationstänzer und nur knapp vor Synchronschwimmer.

Wer also konnte härter sein als ein Betonkofferschlepper, Achtmannzelt-im-Sturm-Aufsteller oder ein sizilianischer Eisenbieger? Ich ging ein paar Namen durch: Boxweltmeister? Mount-Everest-Bezwinger? Raketentester? Nichts, alles nicht männlich genug für den Platz an der Sonne.

„Also, gut,“ sagte ich, „warum kommen die männlichsten Männer aus Polen?“

Willi sagte es mir und ich muss sagen: Er hatte Recht. Ohne Zweifel ging Platz 1 völlig verdient an einen Polen. Der Mann hinter dem Mann, der König der Apnoetaucher, der Tiger Woods unter den Fallenstellern: Krystof Azninski.

Nach einem kleinen Saufgelage mit Freunden schlug er ihnen mitten im Winter vor, sich auszuziehen und „Spiele für Männer“ zu spielen. Zu Anfang schlugen sie sich gegenseitig mit Eiszapfen auf die Köpfe, aber dann schnappte einer sich eine Kettensäge und amputierte sich die Fußspitze. Doch damit nicht genug: Azninski griff sich die Säge, rief „Dann seht euch mal das an!“, schwang sie gegen seinen Kopf und schnitt ihn ab.

„Es ist komisch“, meinte einer seiner Gefährten, „denn als er klein war, trug er die Unterwäsche seiner Schwester. Aber gestorben ist er wie ein Mann.“

Man kann jetzt davon halten, was man will, aber eines ist klar: das wird nur schwer zu toppen sein.

 

Right to the point

feet2_.jpg Schon mal eine Fußreflexmassage gehabt? Heißt das überhaupt Fußreflexmassage? Wie auch immer. Jedenfalls hatte ich meine erste in Singapur. Eigentlich bin ich ja etwas skeptisch, was diese asiatischen Gesundheitsmethoden betrifft. Ich bin einfach der festen Überzeugung, dass man jemanden nicht mit Nadeln pieksen sollte oder ihm die Hände klatscht, bis sie rauchen. Oder was die hier sonst so veranstalten, um sich wieder auf Vordermann zu bringen. Aber Fußreflexmassage? Das klingt entspannend. Was kann da schon schief gehen?

„Ich habe gehört, in Deutschland machen sie auch Fußmassagen“, sagt er, „aber sie machen es nicht richtig.“

„Nicht?“

„No, but here we go right to the point!“

Na, wenn’s so ist, denke ich mir – schließlich kommt der gute Mann aus Asien, und die müssen’s ja wissen.

„Können wir auf Sport umschalten?“ frage ich, weil im Massageraum ein Fernseher läuft.

„Klar.“

Er schaltet um: Poolbillard. Weltmeisterschaftsfinale. Ein Deutscher gegen einen Finnen. Ich lehne mich zurück, mache es mir gemütlich. Er schnappt sich meinen linken Fuß, cremt in ein, und ich denke: He, so kann’s weitergehen, tolle Sache, Fußreflexmassage. Vielleicht hätte ich vorher fragen sollen, was er eigentlich mit „right to the point“ meint …

Er bohrt sich mit seinen Stahlfingern in meinen Fuß, dreht ihn, knickt ihn, wringt ihn förmlich aus, während ich mit weit aufgerissenen Augen und einem stummen Schrei auf den Lippen auf ihn herabschaue.

„Auaaaaa! That hurt’s!“

„Yeah, that’s good …“

Fünfundvierzig Minuten geht das so, und weil er gerade einen Lauf hat, bekomme ich eine Hufschmied-Schulternmassage gratis.

„And?“ fragt er zufrieden. „How does it feel?“

„Good“, sage ich und schleiche aus dem Laden.

Wann werde ich endlich schlau und lasse einfach mal die Finger von Sachen, von denen ich nichts verstehe? Ich werde nie wieder richtig laufen können, nur weil ich mal wieder auf einen sadistischen Quacksalber hereingefallen bin.

Draußen bleibe ich vor einer Schaufensterscheibe stehen und sehe mit mit aufgeklapptem Mund hinein: Fußreflexmassage. Angeboten von einer hübschen und überaus zarten Thai. Sie massiert einer Kundin die Füße. Auch right to the point. Denn die lächelt selig … im Schlaf.

 

Froschfreunde.

frosch2.jpg Manchmal kommt man wirklich auf komische Ideen. Da saß ich doch vor einiger Zeit mit meinem Freund Jens zusammen, weil wir eine Caravan-Tour unternehmen wollen. Um die Sache ein bisschen aufzupeppen, entschieden wir, dass ein Würfel an jeder großen Kreuzung entscheiden sollte, wohin die Fahrt geht: 1 und 2: geradeaus; 3 und 4: rechts; fünf und sechs: links.

Und um die Sache noch ein bisschen mehr aufzupeppen, wollten wir zwei Fremde als Mitreisende. Also haben wir eine Anzeige geschaltet, und tatsächlich haben sich zwei telefonisch gemeldet: Konni, ein latent aggressiver Yoga-Taliban und Rita, eine gut gelaunte, aber von Alzheimer geschüttelte Rentnerin.

Der Kontakt mit Rita war einfach: Sie war begeistert und wollte sich zur Verfügung halten. Der Kontakt zu Konni schon etwas schwieriger. Wir sprachen uns gegenseitig auf Band. So lernte ich Konni von seiner warmherzigen Seite kennen: eine Stimme, die jeden Satz mit „ne“ enden ließ (Hallo, ich bin der Konni, ne), die säuselig komplimentierte (du bist so aufmerksam und sympathisch) und die ein so tiefes Verständnis für jedes Ding im Universum versprach, dass ich in Gedanken den Caravan schon mal mit Raumfrisch sprayte.

Vielleicht hätte mich stutzig machen sollen, dass Konni von spirituellen Bewusstseinsabenteuern sprach und bei seiner Spurensuche bereits bis an die Quellen der ältesten Hochkulturen der Welt gekommen war. Ich dachte ja eher an eine Reise durch das Elsaß, aber bitte: Jemand wie Konni würde die Tour sicher bereichern, zumal er mir auf Band schon seine ganz besondere spirituelle Freundschaft anbot.

Irgendwann hatten wir uns dann endlich am Telefon. Obwohl Konni eine Woche Power-Yoga im Hochsauerlandkreis hinter sich hatte, wurde ich das Gefühl nicht los, dass ihn das nicht entspannt hatte. Er wurde kratzbürstig, als ich ihm vorschlug, dass wir uns in einem Café treffen sollten, weil das keine „konsumfreie Zone“ war. Richtig garstig wurde er dann, als ich ihn darauf hinwies, dass er sich an den Kosten der Tour beteiligen musste. Er war davon ausgegangen, dass ich ihn einladen würde, schließlich waren seine finanziellen Verhältnisse „ein totales Desaster“.

Und da er gerade so schön wütend war, hat er mir dann erklärt, welches Leben ich führte und welches er, denn Yoga-Konni schwebte wie ein Adler durch die Sphären der Erleuchtung, wohingegen ich wie ein Frosch in einem Brunnen hockte und nichts als Mauern sehen würde. Genau wie alle anderen, die mich umgaben: Bekannte, Verwandte und Freunde.

„Wenigstens hab ich welche“, antwortete ich knapp.

„JA, FROSCHFREUNDE HAST DU! FROSCHFREUNDE!“ kreischte Konni empört.

Während er dann in langen Monologen über fernöstliche Weisheitsschätze dozierte und auch das Universum und den ganzen Rest darin einschloss, überlegte ich mir, ob meine Freunde eher wie Frösche oder wie Adler aussahen. Ehrlich gesagt kam ich zu keinem befriedigenden Ergebnis. Ich hatte einen Teddy im Angebot, und das auch nur sehr vage, und wollte fragen, ob der auch zähle, als ich bemerkte, dass ich schon aufgelegt hatte.

Jedenfalls rief ich noch Rita an, um ihr mitzuteilen, dass wir nur noch zu dritt sein würden.

„Woher haben Sie meine Nummer?“ fragte sie misstrauisch.

„Ähm, Rita, wir haben schon zweimal telefoniert.“

„Haben wir nicht.“

„Wir wollten mit dem Caravan …“

„Hören Sie auf, solche Sachen zu sagen, junger Mann. So was mache ich nicht.“

Dann legte sie auf.

Wir sind dann nicht gefahren. Caravanreisen werden ohnehin überschätzt.